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Tag 2 – Koexistenz?

17. Mai 2010,

Heute von: Mareike Blum und Maria Ketzmerick

Ein Land der Gegensätze in jeglicher Hinsicht. Und dabei so pluralistsich. In Israel leben arabische Christen, jüdische Araber oder arabische Israelis und es fällt schwer Meinungen und Positionen zu verorten und kritisch einzuordnen.

Dabei ist Israel aber auch klimatisch so angenehm, dass man das Politische am Strand von Tel Aviv fast vergessen konnte. Nachdem wir in den zwei Tagen in dem unbeschwerten Tel Aviv Zeit hatten uns zu akklimaitiseren, war dieser Tag in Haifa von einem straffen und zugleich erwartungsvollen Programm geprägt. Es stand unter dem zentralen Motto der Koexistenz, die wir in vier höchst unterschiedlichen Perspektiven dargestellt bekommen haben.

Das Selbstbild

Die drittgrößte Stadt im Norden Israels ist bekannt für das gelungene Zusammenleben von Juden, Arabern, Christen und Moslems und den vielen anderen Minderheiten, obwohl Haifa auch sehr unter den Anschlägen der zweiten Intifada gelitten hat. Unsere erste Station war der Besuch an der über der Stadt trohnenden Universität Haifa, die sich besonders damit rühmt das Konzept der Koexistenz in der Realität zu praktizieren.

Nachdem wir freundlich empfangen wurden, hörten wir einen Vortrag im amerikanisch angehauchten Enteraintment-Jargon vom Unibeauftragten des akademischen Auslandamtes zu „the true meaning of co-existance“. Der Widerspruch zwischen dem theoretischen Bemühen des gegenseitigen Respekts einerseits und des zionistischen Ethnozentrismus andereseits: Unserer Meinung nach hätte er kaum deutlicher werden können als durch diesen Auftritt. Als wir im Anschluss kritisch nachfragten, inwiefern man angesichts einer insitutionellen Diskriminierung von Minderheiten von einer „Basis der Gleichheit“ sprechen kann oder wie eine gegensetiges Verständnis und Vertrauen zustande kommen kann, wenn die zwei Seiten durch eine Mauer physisch getrennt werden, wurden wir teilweise mit ausweichenden Antwortstrategien abgespeist. Wir empfanden manche Aussagen als stark relativierend und würden den Vortrag bestenfalls als populärwissenschaftlich bezeichnen. Trotzdem war es sehr interessant diese ideologischen Denkmuster vis-a-vis kennenzulernen. Im Anschluss bekamen wir eine Führung über den Campus. Es wurde immer wieder der offene und internationale Charakter der Uni betont, an der nach Uni-Aussage alle Minderheiten friedlich zusammen lernen und leben. Auffallend waren auch die vielen Student_innen in Armeeuniform, die durch die Gänge liefen. Unser Rundgang endete im 29. Stock des Uniturms, wo wir gefühlten 40 Grad ausgesetzt waren und zum Ausgleich den Ausblick auf die ganze Stadt inklusive ihrer Smogschicht genießen konnten.

„I’m loyal  to the state – when the state is loyal to me?“

Um die arabische Perspektive des friedlichen Zusammenlebens zu ermitteln, trafen wir uns anschließend mit Baladna. Die Aktivist_innen von Baladna arbeiten für die Rechte der arabischen Minderheit und haben innerhalb von ein paar Jahren ein Netzwerk aufgebaut, die auch soziale, kulturelle und politische Aktivitäten umfassen. Im Gespräch zeigte sich, dass von der gepriesenen Co-existence vielleicht nicht so viel bei arabischen Studenten ankommt, wie vermeintlich gedacht. Wir erfuhren entgegen der Aussagen des Morgens auch von mangelndem Austausch, Demonstrationsverboten und Diskriminierung. Trotz der überhöhten Raumtemperatur wurde uns deutlich dargestellt, was es wirklich heißt, arabischer Student in Israel zu sein. Vielleicht ist Co-existence eine realitätsferne Vision? Warum wurde dieser Aspekt aber an der Universität so stark betont?

Bei Baladna wurde vor allem auch mangelnde Kommunikation und generelles Unbewusstsein bis hin zur Ignoranz der tatsächlichen Situation arabsicher Studenten als Hauptgründe dargestellt. Dies fängt auch schon beim eigentlich simplen Sprachaspekt an, denn Unterrichts- und Campussprache ist natürlich hebräisch.

Ein Referent sagte uns auch, wie sehr aus seiner Sicht die letzten Wahlergebnisse zur Verchlechterung der Situation beitragen. Ebenso die Frage nach der politischen Repräsentation im Alltag und generell der Rolle der arabischen Israelis wurde überaus kritisch bewertet.

Zusammenleben und Kunst im Wadi

Nachmittags besuchten wir die Organisation Beit Ha Gefen, die sich für einen nachbarschaftlichen jüdisch-arabischen Austausch in Haifa engagiert. Teile ihrer Arbeit sind beispielsweise eine jüdisch- arabische Bibliothek, Sportaktivitäten sowie gemeinsame Jugendgruppenreisen. Wir machten gemeinsam einen Rundgang durch das arabische Viertel Wadi Nisna. Besonders war die Verbindung der wechselvollen arabisch-jüdischen Geschichte des Viertels, die in Kunstinstallationen an Privathäusern dargestellt wurden. Neben politischen Stücken gab es auch sehr private Kunstwerke, die in Verbindung der malerischen Gebäude Eindruck machten.

Zusammen konnten wir anschließend die besten Spezialitäten und Geheimtipps der arabischen Küche genießen.

Eines unserer Grundnahrungsmittel: Humus

Generation 3-D

Die Organisation Isha le Isha (dt. von Frau zu Frau) ist eine der bekanntesten feministischen Organisationen Israels. Sie setzen vor allem auf Akteursebene an mit dem Fokus auf dem gezielten Empowerment der Frauen vor Ort. Nach diesem langen Tag waren wir Zuschauer eines Vortrags, der sich mit dem Thema der Third-Class-Citizenship befasste, dem Problem der dreifachen Diskriminierung als Frau als arabsiche Minderheit in Israel und ebenso durch die patriachalen Strukturen innerhalb der arabischen Gemeinschaft. Durch den Zusammenschluss mit anderen Organisationen, die sich für Homosexuellenrechte der Feministinnen einsetzt, kam auch dieser Aspekt als weitere Diskriminierung zum Ausdruck. Besonders interessant war für uns die überaus lebhafte Diskussion der Frauen mit zu erleben und auch subjektive Realitäten und Probleme zu erfahren.

Eine Frage drängt sich für uns auf, wir haben sie noch nicht beantworten können: Was hält diese unglaublich heterogene, pluralistische Gesellschaft dann doch zusammen?

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2 Comments

  1. Liebe Mareike!
    Schön, von Eurem guten Start zu hören! Ich freue mich auf weitere Nachrichten von Eurer Reise, besonders darauf, mich mal wieder genauer über die Lage in Israel/Palästina informieren zu können. Ich komme gerade von der Bezirkspfarrerdienstbesprechung. Die geplante Laufzeitverlängerung der alten AKWS, die Sperrung der Zuschüsse für die Nutzung erneuerbarer Energien und die Finanzkrise beschäftigt viele meiner Kollegen/innen sehr.
    Herzliche Grüße! Susanne (Spöhrer)

  2. liebe mareike!
    uns beschäftigt gerade der akw-lachkrampf. das übliche eben. gruß. wir sehen uns beim morgenkaffee!

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