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Tag 5 -Ramallah

22. Mai 2010,

Heute: von Nelly Lehr

Völlig verschlafen stolpere ich aus dem Fahrstuhl im achten Stock unseres Luxushotels in den Frühstücksraum. Beruhigt stelle ich fest, dass ich nicht die Einzige bin, deren Körper noch nicht so richtig in den Wachsein-Modus umgestellt hat- die letzten 5 Tage haben geschlaucht und ich werde von zahlreichen umringten Augen angeguckt. Schnell eine Pita geschnappt und ab in den Bus.
Dort erneut Platzprobleme: Leider passen nur sehr schwierig 20 Leute auf 18 Plätze… Also ein bisschen gequetscht hier, ein bisschen halbe Pobacken auf Kanten gedrückt dort und schon geht die Fahrt los…
Wohin weiß irgendwie noch keiner so richtig, denn Müdigkeit verhindert weiterhin konstruktive Kommunikationen, doch nach einer halben Stunde landen wir in Bethlehem.
Dort empfängt uns ein sympathisch aussehender Mann, mit dunklen Haaren, kariertem Hemd und weißen Jeans. Er stellt sich als Mitglied des Negotians Department der PLO vor. Als was? Richtig, versichert er, er unterstützt die PLO bei Friedensverhandlungen und hätte auch eigentlich heute ein Treffen mit George Mitchell gehabt, das er aber leider wegen uns absagen musste. Die Gruppe schwankt zwischen geehrt und irritiert.
Nach kurzer Vorstellung geht’s im Auto weiter. Wir halten an jüdischen Siedlungen, sehen die niegelnagelneue Mauer und zahlreiche Baustellen, die erahnen lassen, wie die weiteren Pläne aussehen. Kilometerweit ragt die Mauer über die Grenzen von 1967 in palästinensisches Gebiet hinein, das Ganze ist auf der Karte nur ein zentimeterbreiter Streifen, doch in der Realität sieht man, wieviel Land dies tatsächlich ist, und wie es die Lebensrealität vor Ort tangiert…

Hochgesicherte jüdische Siedlung in Betlehem

Nach zwei Stunden geht es weiter. Nächster Programmpunkt: Das Böll-Büro in Ramallah. Problem ist nur, dass man auf dem Weg dorthin an einem der berühmten Checkpoints vorbei muss, den Kontrollstellen mit israelischen Soldaten. Die Stimmung wird unruhig, als wir uns dem Checkpoint nähern, denn die dortigen Soldaten sind für besondere Härte und Willkür international berühmt…  Die Pässe werden rausgeholt und alle im Bus versuchen krampfhaft so auszusehen, als ob die Anzahl der im Bus befindlichen Leute zumindest mit der Anzahl der Sitzplätze im Bus übereinstimmen würde.
Nach kurzem Warten kommt eine Ansage vom Busfahrer. Hier kämen wir nicht durch, man solle es beim nächsten Checkpoint 10 Kilometer entfernt probieren. Angesichts des ohnehin sehr knappen Zeitplans ein weiterer Stressfaktor. Im Bus brechen erste Verhandlungen über das Streichen von Toilettenpausen aus…

Beim nächsten Checkpoint angekommen werden wir zur Seite gewunken und aus dem Bus rausgeholt. Man schickt uns in ein Gebäude mit Gepäckdurchleuchtung und Metalldetektor. Einmal durch alle Sicherheitsschranken, vorbei an einer israelischen Soldatin, die desinteressiert mit einem halben Auge auf unsere Pässe schielt und ab geht’s wieder in den Bus…
Mit einem winzigen Einblick von dem, was einige Leute an israelischen Sicherheitskontrollen durchaus häufiger über sich ergehen lassen müssen…

Beim Böll-Büro landen wir mit einer Stunde Verspätung. Schnell noch ein Falafel und schon beginnt ein Aktivist von Medico, einer deutschen NGO, die unter anderem in der Westbank und im Gazastreifen arbeitet, die soeben in Bethlehem gesehene Situation noch einmal mit Karten mit vielen bunten Zonen und Grenzen zu verdeutlichen. Trotz Erschöpfung von Hitze, wenig Schlaf und langen Autofahrten hören alle interessiert den Berichten von eigener Arbeit und politischer Situation zu.

Anschließend geht es auf Erkundungstour durch Ramallah. Zuerst auf eigene Faust auf den Markt, ein kulinarisches Märchen aus 1001 Nacht…

später mit Stadtführung. Eine Stadt, die einem den Atem nimmt, irgendwo zwischen Orient und westlicher Welt, zwischen Traditionsbewusstsein und säkularisierter Moderne, zwischen
friedlichem Alltag und politischer Instabilität…

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