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Tag 6 – Ramallah

23. Mai 2010,

Heute: von Yulia Lokshina

Die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Ra-mal-lah.

Grelles Licht und schwindelig summendes Straßenleben. Vorbei an Datteln und Aprikosen, Gewürzen und wehenden Stoffen. Der große Markt ist reiner Wirbel, der einen immer weiter in die Tiefe saugt. Zwischen den Reihen schleichen Jungs und bieten einem an in großen Supermarktwägen die Einkäufe hinterher zu fahren. Jede Ecke scheint einen zu sich zu rufen. Mit der untergehenden Sonne legt sich der erlösende frische Wind über die Straßen, und fegt die letzten Frauen davon. Die Autos hupen noch immer und noch immer glüht die Haut von der Hitze des Tages. „What’s your name? Where‘re you from? Welcome to Ramallah…“ Nach einer Woche im nahen und doch so fernen Osten, scheint vieles so bekannt. Im Restaurant hängen alte Familienbilder – unbekannte Ur-Ur-Großeltern. Sind es meine, oder doch die von dem Jungen auf der anderen Straßenseite? Die Gesichter verraten nichts. Sie könnten überall auf der Welt Zuhause sein. Ramallah. Und das „r“ vibriert in der Kehle. Erschreckend, wie schnell man sich an alles gewöhnt. An die immerwährende Präsenz des Militärs, die Gewehre, vor den man anfänglich noch mit schauderigem Unbehagen zusammenzuckte. An die Geschichten des Leids, an Leben voller Angst, Wut und Unsicherheit. Erschreckend, wie wenig man sich selbst doch kennt. Das Leben geht weiter.

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